Blick auf die Dogmatik der Zeugen Jehovas

Im Ewald & Ewald, dem Jahrbuch von Orietur Occidens, erschien gerade meine Abhandlung über Wesen und Christusbild einer religiösen Sondergemeinschaft, die jedem etwas sagen dürfte. Die Zeugen Jehovas bezeichnen sich selbst als einzig wahre Christen. Dennoch: befasst man sich mit deren Lehren genauer, entstehen schnell Zweifel ob ihres Christusbildes und dessen Vereinbarkeit mit dem Christentum. Im folgenden Text möchte ich auf diese Frage eingehen und ein Schlaglicht auf die Sondergemeinschaft und ihre Historie werfen.

Ich verweise auch gern auf den Internetauftritt von Orietur Occidens: Occidens


 Blick auf die Dogmatik der Zeugen J“S

Eine christliche Religionsgemeinschaft?


Gewiss ist es nicht von vornherein gegeben, dass einem Autor der objektiv ungetrübte Blick auf den Gegenstand seiner Betrachtungen freisteht, wenn er mit ebendieser Sache bereits Berührungspunkte hat. In meinen Jugendtagen traf dies im vorliegenden Sachverhalt freilich auf mich zu. Obgleich dies unbestreitbar ist, möchte ich es wagen, ein Licht auf eine Organisation und deren Christusverständnis zu werfen, welche sich heuer Jehovas Zeugen nennt. Dabei will ich versuchen, trotz meiner persönlichen Erfahrungen, so objektiv zu beobachten und schlussendlich zu bewerten, wie mir dies möglich ist. Ich kann nur bitten, es mir nachzusehen, sollte Selbiges hie und da nicht völlig gelingen. 

Historische Konstellation

Um der Provenienz der modernen Zeugen Jehovas nachzugehen, muss man gleichermaßen einen Blick auf die speziellen Gegebenheiten des XIX. Jahrhunderts in Bezug auf nonkonformistische Religionsgründungen werfen.

Das vorletzte Saeculum war vor allem in der »Neuen Welt«, aber auch hierzulande geprägt von zahlreichen Neugründungen christlicher Gemeinschaften und temporärer Bewegungen verschiedener Art. Von Beginn des XIX. bis ins XX. Jahrhundert hinein scharten sich Menschen zuhauf um meist charismatisch agierende Männer oder Frauen, die von sich behaupteten, die Exegese der Heiligen Schrift weitaus besser zu beherrschen als die Vertreter der etablierten Konfessionen. Einige dieser Gründerväter sahen sich gleichermaßen als Propheten alttestamentarischer Lesart, Künder neuer Offenbarungen Gottes an die Menschen. So zog Brigham Young mit seinen Pilgern los, um das »Promised Land« zu suchen, welches der Herr durch Joseph Smith mit der Offenbarung des Buchs Mormon verhießen habe (Vgl. Intellectual Research Inc. (Hrsg.): Buch Mormon. Das Zeugnis des Propheten Joseph Smith. Salt Lake City 1985, S. 3 ff.). Smith sah sich als Mann Gottes, dem die Schriften eines älteren Propheten mittels goldener Platten mitgeteilt werden sollten. Was Smith für das Mormonentum und seine Abkömmlinge, waren Ellen Gould White für die Siebenten-Tags-Adventisten, Mary Baker Eddy für Christian Scientist oder Hermann Lorenz für die Gemeinschaft in Christo Jesu in Sachsen.

Diesen und anderen Nonkonformisten jener Tage möchte man ihre häufig innige Überzeugung nicht in Abrede stellen, aus Glauben heraus Gottgewolltes tun zu wollen. Gleichermaßen traten diese »Apostel und Propheten der Neuzeit« oftmals als wenig authentische Apologeten eines »Wahren Glaubens« auf, so wie sie ihn verstanden. So will der funktionelle Analphabet Smith die goldenen Platten, offenbar vom Engel Moroni, mittels einer »Prophetenbrille« in ihrem Sinn erfasst und übersetzt haben, obwohl diese in reformiertem Ägyptisch verfasst gewesen sein sollen und zudem chaldäische, assyrische und arabische Schriftzeichen enthalten hätten (Vgl. Obst, Helmut: Apostel und Propheten der Neuzeit. IV. erw. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, S. 276 f.)

Im Zuge des zweiten und dritten »Great Awakening« – Teile einer Reihe von protestantischen Erweckungsbewegungen vom XVIII. bis ins frühe XX. Jahrhundert hinein – empfanden Gläubige wie Lyman Beecher oder Charles Finney den Revivalismus als eine innere Mission, die sie gegen die aufklärerische Haltung anderer zu einer äußeren machten (Vgl. Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1. III. Auflage, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 1997, S. 366 f.). Diese Bewegungen fanden ihre Nahrung nicht nur in den Folgen der Aufklärung, sondern gleichermaßen in der konkreten Erwartung der Aufrichtung des Königreichs Gottes auf Erden. Die Wiederkunft des Herrn zu berechnen verbietet sich (Mtth. 24,44). Doch Daten für das sichtbare Kommen des messianischen Reiches wurden zu diesen Zweck schon viele „errechnet“. Unter den so ermittelten Zeitpunkten für die irdische Präsenz des messianischen Königtums auf Erden finden sich im Wesentlichen die Jahre 1799, 1874, 1914 und 1975 (Vgl. Obst S. 447 f.). Freilich blieb die Apokalypse jedes Mal aus und die charismatischen Bewegungen jener Tage ebbten entweder ab oder formierten sich unter angepassten Dogmen neu. Auf der Suche nach der reinen und unverfälschten Wahrheit mühten sich die modernen Apostel oftmals, ihre Fakten der These gefügig zu machen.

Ernste Bibelforscher

Einer dieser neuzeitlichen Prediger war Charles Taze Russell, ein vormaliger Presbyterianer und Kaufmann irisch-schottischer Herkunft. Seine Mutter starb im Jahre 1861, als er neun war, worauf er durch Privatunterricht und dem Besuch einer öffentlichen Schule auf seine Teilhabe am väterlichen Textilgeschäft vorbereitet wurde. Die Firma entwickelte sich prächtig und Neugründungen zahlreicher Filialen in Pennsylvania waren die Folge. In der streng calvinistisch ausgerichteten Presbyterianische Kirche fand Russell allerdings keine geistliche Heimat. Bereits mit vierzehn Jahren schloss er sich der Kongregationalistischen Kirche an und beteiligte sich an ihrer Jugendbewegung. Russell gefiel die Vorstellung einer weitgehend unabhängigen Gemeinde als höchster Autorität unter Christus. Die reformierte Lehre der doppelten Prädestination setzte dem jungen Kaufmann jedoch immens zu. So entstanden schnell Zweifel ob des Wahrheitsgehalts der Bibel und der Gültigkeit menschlicher Glaubensbekenntnisse. Diese Glaubens- und Sinnkrise sollte sich erst nach einer Begegnung mit einer Gruppe Adventisten auflösen. Hierdurch wurde er bestärkt in einer konkreten apokalyptischen Erwartung und „der erschütterte Glaube an die göttliche Eingebung der heiligen Schrift wieder befestigt“ (Der Wachtturm, Jg. 1907, Nr. 4, S. 66). Als die Apokalypse 1874 und 1878 schließlich ausblieb, mischte sich in die erste Euphorie Ernüchterung. Russell mühte sich, die ersten Berechnungen neu zu interpretieren (Die Berechnungen fußten vor allem auf der wörtlichen Interpretation der Worte aus II Petr. 3,8 in Verbindung mit Gen. 1,1 ff.) und kam folglich auf das Jahr 1914 als Ende der sechstägigen Woche der Menschheitsgeschichte. Der Sonntag – in dieser Analogie der Tag, der dem Herrn geweiht ist – sollte dann der Millenniumsherrschaft Christi dienen. Bereits zu Anfang der siebziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts zog er sich nach und nach aus seinem adventistischen Umfeld zurück und widmete sich fortan ausschließlich dem Bibelstudium und der Verbreitung seiner Exegesen. So entstanden Bibelstudiengruppen, aus denen die Internationale Vereinigung ernster Bibelforscher hervorgehen sollte. Im Juli 1879 erschien, im Zuge der Gründung der Watchtower Society – bis heute Verlagsgesellschaft für alle Publikationen der Zeugen Jehovas –, die erste Nummer der Zeitschrift Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence mit einer Auflage von 6000 Stück. Im Laufe der Jahre erhöhte sich die Auflage des Wachtturms in die Millionen; mit zahlreichen Buchveröffentlichungen im Gefolge, die auf vielfältige Weise die Überzeugungen Russels und seiner Mitstreiter verbreiteten. 

Strenge Abgrenzung zum übrigen Christentum

Die Fundamente der modernen Zeugen Jehovas wurden in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung zwar von Charles Taze Russell gelegt, eine strengere Abgrenzung zu jeglichen anderen christlichen Gemeinschaften und damit die Absage an jedwede Ökumene vollzog jedoch erst dessen Nachfolger als Präsident der Watchtower Society, der Jurist Joseph Franklin Rutherford. Richter Rutherford kam 1894 erstmals mit den Bibelforschern in Berührung und schloss sich 1906 durch eine Immersionstaufe der Bewegung an (Diese Form der Taufe wird bis heute bei den Zeugen Jehovas praktiziert. Hierzu finden sich in Kongresssälen eigens Schwimmbecken und bei Großkongressen werden portable Becken aufgebaut. Die Gemeinschaft pflegt für gewöhnlich die Erwachsenentaufe.). Er fungierte als Anwalt der Gesellschaft und später als Stellvertreter Russels, der ernüchtert war ob der wiederum ausgebliebenen Aufrichtung des irdischen Königreiches. Rutherford galt als kalter und unsensibler Mann und bildete einen scharfen Kontrast zum empathischen Gründervater der Bibelforscher. Rutherford kann im eigentlichen Sinne als Gründer der heute bekannten Zeugen Jehovas angesehen werden. Die scharfen und zuweilen befremdlichen Züge der religiösen Sondergemeinschaft sind ebenso Rutherford zu verdanken, wie ihre heute noch immens ausgeprägte Konzernzentrierung durch die Wachtturmgesellschaft. So fungierte der Präsident der Wachtturmgesellschaft lange Zeit außerdem als religiöses Oberhaupt der Gemeinschaft. Diese beiden Ämter sind mittlerweile voneinander getrennt, was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die Leitende Körperschaft – ein Gremium aus zurzeit acht Männern, die sich gemäß Mtth. 24,45 als apostolisches Sprachrohr Gottes verstehen – de facto Leitungsgewalt über den geistlichen und finanziellen Teil der Organisation ausübt. 

Die Zeugen Jehovas sind bemüht, sich seit den Tagen Rutherfords so umfassend wie möglich von den übrigen christlichen Kirchen abzugrenzen. Da die Geburt Christi nur schwerlich auf den 25. XII. zu terminieren ist, lehnen sie es ab, das Fest überhaupt zu feiern. Das Osterfest wird aufgrund seiner heidnischen Anleihen ebenso vollständig abgelehnt. Geburtstage werden nicht gefeiert, da die einzigen beiden konkreten Erwähnungen dieser Ehrentage in der Schrift mit Blutvergießen einhergingen (Gen. 40,20; Mtth. 14,6; Mc. 6,21). Rutherford und die ihm nachfolgenden Vorsitzenden Aufseher (heute zuweilen mit dem sperrigen Titel: Vorsitzender des Komitees der Koordinatoren) der Leitenden Körperschaft (Chairman Overseers oft the Governing Body (bis 1944 Komitee der Direktoren): C. T. Russell (1881 – 1916), J. F. Rutherford (1917 – 1942), Nathan H. Knorr (1942 – 1977), Frederick W. Franz (1977 – 1992), Milton G. Henschel (1992 – 2003), Theodore Jaracz (2003 – 2010), Gerrit Lösch (seit 2010)) zielten auf die Abschaffung jeglicher Berührungspunkte mit den christlichen Kirchen ab. Exodus 20,4 bewerten so die Zeugen Jehovas exempli causa als grundsätzliches Verbot irgendeines Bildnisses in Anbetungsstätten. Lebensrettende Bluttransfusionen werden zudem als noch immer gültiger Teil des Gebotes der frühen Christenversammlung, sich des Blutes zu enthalten, abgelehnt. 

Ein wesentliches Merkmal der Andersartigkeit dieser Religionsgemeinschaft im Vergleich zu den meisten anderen christlichen Kirchen ist die Differenzierung der Herden Jesu (Vgl. Joh. 10,14-16). Im Evangelium nach Johannes spricht Jesus von zwei Herden: Den Schafen zweier Ställe. Diese Kategorisierung wird in Verbindung mit einer Passage aus der Offenbarung des Johannes als doppelte Prophezeiung und wörtlich verstanden (Offb 7,4 ff.). Nach der Exegese der Zeugen Jehovas ist die Zahl derer, die nach ihrem Tod eine himmlische Auferstehung erleben werden, für alle Zeiten auf 144.000 begrenzt. Neben diesen »Geistgesalbten« – die beim jährlich einmalig stattfindenden Abendmahl allein berechtigt sind, von Blut und Leib (Eine Transsubstantiation ist Jehovas Zeugen allerdings fremd.) zu nehmen – gäbe es die große Volksmenge, die Mehrheit der Zeugen Jehovas, die nach der Millenniumsherrschaft Christi auf eine leibliche Auferstehung hoffen dürfte (Offb 7,9 ff.).

Adventus Domini und Christusbild 

Der Sohn Gottes ist nach gültiger Lehre der Zeugen Jehovas mit dem Engel Michael gleichzusetzen, einziger Erzengel und als Gottes erste Schöpfung der Zeit unterworfen (Der Wachtturm, 22. August 1976, S. 25 f.). So liest man im Johannesevangelium der Neue-Welt-Übersetzung (NWÜ) (Die von Gliedern der Leitenden Körperschaft erstellte Bibelausgabe der Organisation.) zum Exempel: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war ein Gott“, wo es beispielsweise in der Einheitsübersetzung wie folgt lautet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh. 1,1). Innerhalb dieser Lehre spielt der Sohn lediglich die Rolle eines sterblichen Erfüllungsgehilfen der Pläne des Höchsten. So soll sich Jesus die Immortalität erst durch seine treuen Dienste erworben haben (So habe „Christus Jesus die Unsterblichkeit als Belohnung für sein treues Handeln (auf Erden) erhalten“. Weswegen „jedes Versagen seinerseits für ihn den ewigen Tod bedeutet hätte“. (Der Wachtturm, Jg. 1976, 15. August, S. 495). Eine Vielzahl von Bibelstellen, die sich auf die Wesenseinheit des Sohnes mit dem Vater beziehen, werden in der NWÜ anders wiedergegeben oder aber von der Leitenden Körperschaft exegetisch völlig anders bewertet, als es angebracht scheint (Vgl. Joh. 1,1; 5,18; 10,30; 20,28; Tit. 2,13; Kol. 2,9; Phil. 2,1-8; Joh. 1,1 ff.; Mich. 5,2 - NWÜ – EU im Vergleich zueinander). Womit Jesus Christus schlicht degradiert wird vom Selben, gestern, heute und in Ewigkeit, der ohne Sünde ist, zu einer um ihre Unsterblichkeit kämpfenden Schöpfung Gottes (Hebr. 4,15; 18,8; Jes. 9,6). Des Weiteren handele es sich beim Heiligen Geist um Gottes wirksame Kraft, der Macht Gottes in Aktion. Die Taufe im Namen des Heiligen Geistes interpretiert man als Vertrauen in die Macht Gottes, nicht aber als Zeichen einer göttlichen Seinsweise (Vgl. Wachtturm- Bibel- und Traktat-Gesellschaft (Hrsg.). Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben. Wiesbaden 1982, S. 37). Somit kann man die Zeugen Jehovas als nicht-trinitarische und aufgrund der früher erwähnten Lehrinhalte als ausgeprägt chiliastisch orientierte Religionsgemeinschaft bezeichnen. Nur: Handelt es sich bei ihnen überhaupt um Christen im eigentlichen Sinne? 

Der mangelnde Aufschluss über die Wesenseinheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist mag dagegen sprechen. Wohingegen der Glaube an den Kreuztod (Jehovas Zeugen verwenden kein Kreuz und sind fernerhin der Auffassung, Jesus sei an einem schlichten Pfahl gestorben. Zudem setzten sie die Verehrung des Kreuzes mit Götzendienst gleich, wozu sie sich u.a. auf I Kor. 10,14 und I Joh. 5,21 berufen.) Jesu und dessen Auferstehung als Sühneopfer für die Sünde der ganzen Menschheit ein zentraler Bestandteil in der Dogmatik der Zeugen Jehovas ist. Zudem leben die Verkündiger (Womit Zeugen Jehovas bezeichnet werden, die aktiv an der Missionstätigkeit der weltweiten Organisation teilhaben.) in der weidlich präsenten Erwartung des »Endes dieses Systems der Dinge (Der Wachtturm, Jg. 1975, 15. Februar, S. 104 ff.)«, was sie dazu bewegt, ein Maß an Predigtwerk zu verrichten, wie kaum eine andere Glaubensgemeinschaft weltweit. Die Aussicht, der Tag des Herrn stehe unmittelbar bevor, führt somit zu einer ausgeprägten Dringlichkeit im Sendungsbewusstsein der Gläubigen. Sie der reformatorischen Bewegung zuzuzählen verbietet sich, hier finden sich lediglich Anknüpfungspunkte über die sola scriptura. Orthodoxen oder römisch-katholischen Dogmen folgen die Zeugen Jehovas höchstens in ohnehin offensichtlichen Wesenszügen des Christseins – Mysterien sind ihnen fremd. Sie folgen einzig dem Wortlaut der biblischen Schrift gemäß der eigenen Bibelübersetzung (Das es sich bei der Neue-Welt-Übersetzung um eine Übersetzung im eigentlichen Sinne handelt, darf bezweifelt werden. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass verschiedene Übertragungen herangezogen wurden, da die Sprachkenntnisse der Übersetzer keineswegs ausreichend waren, um ein solches Projekt zu realisieren. Vgl. Franz, Raymond: Der Gewissenskonflikt. III. Auflage, Claudius, München 1996, S. 55). Maßgeblich erscheint auch die Tatsache, dass die Bibelstudien der Zeugen Jehovas vielmehr Betrachtungen von Publikationen der Wachtturmgesellschaft sind, zu denen ausgewählte Bibeltexte gereicht werden, deren Kontext nahezu fortwährend unbeachtet bleibt oder die jede beliebige Glaubenslehre rechtfertigen – eine Rösselsprungmethode. Eine Exegese – sowie die persönliche Glaubensentscheidung – scheint unter diesen Umständen ausgeschlossen. Eine selbst durchdachte Lesart ist den Verkündigern zudem verboten, steht diese doch nur den Gliedern der Klasse der Geistgesalbten zu (Mtth. 24, 45 ff. wird hier auf diese Art interpretiert. Auf diesen Text fußt nahezu die gesamte indoktrinative Struktur der Religionsgemeinschaft. Widerspruch gegen die Exegese der leitenden Körperschaft wird zudem als unverzeihbare Sünde gegen den Heiligen Geist bewertet und zieht somit den Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich.).

„Wer war er wirklich?“ So liest man im Prolog des Hauptwerkes der Zeugen Jehovas über das Leben und Wirken Christi: Der größte Mensch, der je lebte. Ihre Antwort soll hier Erwähnung finden und lautet wie folgt: „Wie ist diese Frage zu beantworten? War Jesus tatsächlich Gott? Heute sind viele dieser Meinung. Jedoch seine Gefährten glaubten nie, daß er Gott war. Der Apostel Petrus antwortete auf Jesu Frage (wer er sei): ‚Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes‘ (Matthäus 16:16). 

Jesus behauptete niemals, Gott zu sein, doch er bekannte, daß er der verheißene Messias oder Christus war. Er sagte auch, daß er ‚Gottes Sohn‘ war, nicht Gott (Johannes 4:25, 26; 10:36). Dennoch sagt die Bibel nicht, Jesus sei ein Mensch wie jeder andere gewesen. Er war eine ganz besondere Person, denn er war von Gott vor allen anderen Dingen erschaffen worden (Kolosser 1:15). Vor unzähligen Milliarden von Jahren, noch bevor das Universum erschaffen wurde, lebte Jesus als Geistperson im Himmel und erfreute sich dort der vertrauten Gemeinschaft mit seinem Vater, Jehova Gott, dem großen Schöpfer (Sprüche 8:22, 27-31).

(...) Jesus wurde ein menschlicher Sohn Gottes, der ganz normal von einer Frau geboren wurde (Galater 4:4). Während Jesus sich im Mutterleib entwickelte und auch während er als Junge heranwuchs, war er auf seine irdischen Eltern, die Gott ausgewählt hatte, angewiesen. Schließlich kam Jesus ins Mannesalter, und ihm wurde gewährt, sich vollständig an seinen früheren Umgang mit Gott im Himmel zu erinnern (Johannes 8:23; 17:5).

Jesus war der größte Mensch, der je lebte, weil er seinen himmlischen Vater genau nachahmte. Als treuer Sohn kopierte Jesus seinen Vater so genau, daß er zu seinen Nachfolgern sagen konnte: ‚Wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen‘ (Johannes 14:9, 10) (Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas (Hrsg.): Der größte Mensch, der je lebte. Selters/Taunus 1991, S. 10 f.).“

Eine nicht-trinitarische christliche Religionsgemeinschaft, die aber das Opfer Jesu anerkennt, mag gerade eben vorstellbar erscheinen. Ein Messias aber, der seinen himmlischen Vater schlicht und einfach kopiert und über seine Aufgabe auf Erden um seine Immortalität kämpfen muss, ein Sohn, der derart herabgesetzt wird und gewöhnlich daherkommt, lässt sich mit der christlichen Theologie kaum vereinbaren. 

Jehovas Zeugen sind als christliche Sondergemeinschaft seit Jahrzehnten so vollumfänglich bemüht, sich von der übrigen Christenheit abzugrenzen, dass ihnen Christus selbst abhandengekommen zu sein scheint. Er reiht sich getreu ihrer Lesart lediglich in die Reihe treuer Söhne Gottes ein, die sich über die Jahrhunderte die Weisungen des Herrn zu eigen gemacht haben. Das Opfer Jesu wird somit ausgehöhlt und erscheint einzig als ein besonderes Glaubenszeugnis, ein Martyrium von vielen. Wenn auch die Zeugen Jehovas das Sühneopfer Christi akzeptieren und man ihnen einen robusten und sendungsbewussten Glauben attestieren kann, fällt es doch schwer, sie im Lichte der Degradierung Jesu und der selektiven und indoktrinativen Lesart der Heiligen Schrift als Christen zu bezeichnen. Trotz der immerzu präsenten Erwartung der irdischen Errichtung des Königreiches Christi auf Erden sind die Ernsten Bibelforscher von einst heuer nichts anderes als Zeugen eines heute nicht mehr maßgeblichen Gottesnamens und nicht von Christus und seiner Göttlichkeit.

So halte ich es mit dem Apostel Johannes, wenn er sagt: „Meine lieben Freunde, glaubt nicht allen, die vorgeben, den Geist zu besitzen! Prüft sie, um herauszufinden, ob ihr Geist von Gott kommt. Denn diese Welt ist voll von falschen Propheten (I Joh. 4,1 (GNB))“.

Kommentare

  1. Dieser Text enthält im Original zahlreiche Fußnoten. Hier sind diese leider nicht wiederzugeben. Somit habe ich sie in kursiven Klammern dem Text hinzugefügt. Nicht schön, aber besser als nichts.

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