Das Krokodil des Grauens

Zum Weihnachtsfest 2019 erschien als Sonderbeilage des 'Baker Street Chronicle' eine kleines Buch. In diesem Buch finden sich Kurzgeschichten deutschsprachiger Sherlockianer über das "Krokodil des Grauens". Albertus Geschichte findet sich dort ebenso wie eine Zahl anderer verschiedenst orientierter Originale. Meine kleine Novelle kann man nun hier lesen. Wer aber einen Querschnitt von Phantasie und Schreibkunst der deutschen Holmes-Forscher sein Eigen nennen möchte, dem empfehle ich die Winterausgabe des 'BSC 2019', nebst Sonderbeilage zu bestellen.

Baker Street Chronicle - Winter 2019


Sherlock Holmes

Das Krokodil des Grauens


Im späten November des Jahres 1898 ereignete sich der in der Gemeinschaft sonderbarer Fälle wohl sonderbarste Fall; ein Problem, welches bisher noch nicht Einzug in meine Chronik jener außergewöhnlichen Begebenheiten gefunden hatte, die das Leben meines Freundes Sherlock Holmes auf so einzigartige Weise prägten. Die versäumte Gelegenheit möchte ich mit dem hier vorliegenden Bericht nun nachholen und dem geneigten Leser Einblick in ein Rätsel eröffnen, dessen Lösung – so sagte es Holmes später selbst – wie kaum ein zweites auf einer reinen Verstandesleistung basierte. Zudem möchte ich behaupten, dass die Episode um das „Krokodil des Grauens“ im besonderen Maße die wundersamen Verzweigungen zwischen jenen einzelnen Elementen aufzeigt, welche das Leben in seiner Komplexität so ungewöhnlich machen, wie es sich kein Romancier auszudenken vermag.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende, soeben hatte ich mein Abendessen beendet und nachdem Holmes sich den ganzen Tag über rar gemacht hat, vernahm ich endlich die vertrauten Schritte auf der Treppe. Doch ließ sich mein Mitbewohner zunächst nicht in unserem Wohnzimmer blicken. Einige Zeit verstrich; schließlich hörte ich die quietschenden Angeln einer Tür in einiger Entfernung. Holmes zog es offenbar hinauf in seine private „Kammer des Schreckens“, einen kleinen Raum im Dachgeschoss, der ihm als Ablageplatz für Dokumente und zugleich privates Kriminalmuseum diente. Erst, als ich mich bereits vom Tisch erhoben hatte um mich mit der Abendzeitung auf meinem Sessel niederzulassen, betrat mein Freund das Zimmer. Ein Telegramm hatte ihn bereits früh morgens aus dem Haus getrieben. Sicher befand er sich erneut im Zustand größter Anspannung und geistiger Erregung, welches ich oft an ihm beobachten konnte, wenn die Entwicklung eines neuen Falls seine ganze Aufmerksamkeit einforderte.
Er warf ein altes Blatt Papier auf den Esstisch, setzte sich ausgelaugt wortlos mir gegenüber in seinen Sessel, und starrte scheinbar geistesabwesend ins Leere. Ich wusste bereits, dass ihm der Sinn momentan nicht sonderlich nach einem Gespräch stand. So erhob ich mich, schenkte Holmes eine Tasse Tee ein, reichte sie ihm hinüber und griff nach dem Papier, um es eingehender zu betrachten. Holmes schätzte Zweitmeinungen ungemein. Die meine holte er auf recht beiläufige Weise bereits seit Jahren in zuverlässiger Regelmäßigkeit ein. Wenngleich er unter einer „zweiten Meinung“ auch etwas anderes verstand als die meisten Menschen es taten. Die Ansichten eines ihm intellektuell unterlegenen Gesprächspartners – was in den allermeisten Fällen auf mich zutraf – dienten dem großen Kriminalisten vielmehr als Kontrapunkt der Harmonie seiner eigenen gedanklichen Melodie. Meine „Einsichten“– bestärkten Holmes ungeachtet ihrer Fehlerhaftigkeit oftmals in seinen eigenen komplexeren und zutreffenderen Schlussfolgerungen.
»Dies wirkt mir wie eine Seite aus einem recht alten Buch«, versuchte ich mich an einer Deduktion. »Die Abrisskante zeigt deutlich, dass es herausgetrennt wurde«, fuhr ich fort. »Ebenso fällt mir auf, dass der Zeichner entweder furchtbar unbegabt war oder aber noch nie in seinem Leben ein Krokodil gesehen hat. Es wirkt vielmehr wie ein merkwürdiges Fabelwesen aus Dinosaurier und Vogel. Dennoch bezeichnet er es als Krokodil, ein eigenartiger Einfall. Finden Sie nicht auch, Holmes?«
Als er zu mir herübersah, vermisste ich bei meinem Freund den üblichen Blick, welcher einerseits Belustigung und zudem den Triumph ausdrückte, es schon längst besser zu wissen. »Mein lieber Watson«, erwiderte er mit gedrückter Stimme, »diesmal weiß ich leider nicht viel mehr dazu zu sagen, als Ihnen bereits aufgegangen ist. Dieses Krokodil, mag es auch noch so eigenartig oder auch einzigartig daherkommen, ist im Moment unser einziger Zeuge in einem grauenvollen Verbrechen. Ja, ich muss gestehen: Diese Angelegenheit entzieht sich bisher fast gänzlich meiner Einsicht. Und das trotz des Umstandes, dass ich mich bereits den ganzen Tag damit befasse, seit Hamiltons Telegramm mich aufforderte, stehendes Fußes zu ihm zu eilen.«
»Der Inspektor hat Ihnen also heute Morgen gekabelt?«
»Gewiss, Watson. Nur haben unsere Recherchen nicht viel mehr ergeben, als dieses Krokodil aus Stümperhand vermuten lässt. Ich fürchte, dass ich Hilfe benötige. Oder wüssten Sie, inwiefern die offenbar anatomisch inkorrekte Darstellung eines Landwirbeltiers mit einem auf grausame Weise abgeschlachteten jungen Mann zusammen hängen könnte?«
»Ein Mord, Holmes?«, warf ich irritiert ein. »Und dieses Blatt fand sich auf der Leiche?«
»Nicht einmal das kann ich bejahen« entgegnete Holmes. »Ich werde Sie bezüglich des guten Inspektors Hamilton und meiner Person auf den aktuellen Stand bringen und Ihnen kurz darlegen, welches Bild sich uns heute Morgen in der Sakristei der St. George's Kirche in Bloomsbury präsentiert hat.«
Holmes berichtete mir, dass er gegen viertel vor Acht von besagtem Telegramm in die Hart Street gerufen wurde. Dass es sich bei genannter Adresse um eine Kirche handelte, verschwieg Hamiltons eiligst verfasste Depesche allerdings. Doch Holmes kennt London wie kein zweiter, so ahnte er bereits, dass ihn seine Exkursion auf heiligen Boden führen sollte. Eine gute halbe Stunde später erreichte Holmes Droschke schließlich den Schauplatz des Verbrechens.
»Ich übertreibe nicht, mein lieber Watson, wenn ich Ihnen sage, dass ich selten einen blutigeren Schauplatz besichtigen durfte als jenen in Bloomsbury.«
»Sie durften, Holmes? Sollten Sie nicht lieber sagen, dass Sie diesen unschönen Ort besichtigen mussten?« unterbrach ich ihn, auch ob seiner altbekannten, der Pietät nach inadäquaten Begeisterung.
»Ach Watson, Sie wissen es doch schon lange; eine jede Abweichung von der Norm liefert uns wertvolle Hinweise zum Tathergang. Aber beginnen wir am Anfang. Die Blutrünstigkeit besagten Verbrechens nebst eigentümliches Krokodil sind bisher meine einzigen richtigen Anhaltspunkte. Sehen Sie, Watson, dem jungen Mann – er mag um die dreißig gewesen sein – wurde der Schädel mit einem Kerzenständer förmlich zertrümmert, was uns schon eine gewisse Kleinigkeit über den Täter verrät.
»Offenbar resultierte diese Gräueltat aus einem tiefen Hass des Täters. Er muss den jungen Mann also schon gekannt haben«, warf ich unvermittelt ein.
»Den ersten Teil Ihrer kleinen Deduktion kann ich vorerst nicht zustimmen. Immerhin kann ein zutiefst skrupelloser Mann mit einem solch grausamen Vorgehen ein Motiv puren Hasses ebenso vortäuschen, um uns genau auf diese womöglich falsche Fährte zu locken. Auch die Verschleierung der Identität des Opfers mag eine Möglichkeit darstellen, die es zu überprüfen gilt. Was den zweiten Teil Ihrer Schlussfolgerung angeht: Auch ich meine, dass der Mörder dem Opfer bereits bekannt war, jedoch schließe ich dies vor allem aus einer Hand voll weiteren Kombinationen. Aber dazu werde ich noch vordringen.«
»Wie Sie meinen, Holmes.«
»Gefunden wurde der Unglückliche heute gegen viertel vor sieben vom Küster der St. George's Kirche. Dieser Küster – Anthony Fips mit Namen, ein bleicher, großer und beinahe bis zur Besessenheit gewissenhaft wirkender Gentleman nahe der 60 – trifft täglich um diese Uhrzeit ein, manchmal noch früher, und kümmert sich dort um alle Präliminarien der Frühmesse. Sein erster Weg führt ihn immer in die Sakristei, wo Gewänder, Folianten und Gefäße vorzubereiten sind. All dies fand er heute allerdings in extremer Unordnung vor. Die Messgewänder lagen verstreut, teils zerrissen auf dem Boden; ebenso ein zerbrochener Stuhl sowie ein großer, blutverschmierter fünfarmiger Kerzenständer aus purem Silber von ganz exakt zwei Fuß und vier Zoll in der Höhe. Ich entdeckte auch Hirnsubstanz und Haare daran, welche vom konsultierten Polizeiarzt wie von mir selbst eindeutig dem Opfer und seinen schrecklichen Wunden zugeordnet werden konnten. Weder Mr. Fips, noch James Ashcroft, der Vikar von St. Georges, welcher viertel vor Acht in der Kirche eintraf, konnten sich entsinnen, den unglücklichen Zeitgenossen gekannt zu haben. Welchen Wert diese Aussagen haben, kann ich jedoch nicht ermessen. Die Verletzungen am gesamten Schädel machen es selbst mir unmöglich, das Aussehen dieses Mannes mit Bestimmtheit zu ermitteln. Nur so viel: Das Opfer trug dunkelbraune Haare, eine gewöhnliche Frisur, hatte braune Augen und einen dünnen Backenbart, maß fünf Fuß und zwo Zoll. Obwohl gekleidet wie ein Gentleman, fand sich in seinen Taschen nichts, nicht einmal eine Uhr oder auch nur ein Krümel, welcher uns etwas über ihn hätte sagen könnte.«
»Was wissen Sie über den Vikar zu berichten?« fragte ich.
»Vikar Ashcroft ist von mittlerer Größe, mag in meinem Alter sein, im Gesicht liegt etwas Heiter- Einnehmendes, zudem trägt er ein kleines hölzernes Kreuz, das einen krassen Gegensatz zu den silbernen oder goldenen Pendants der meisten seiner Amtskollegen bildet. Des Weiteren erfuhr ich von Küster Fips, dass er zölibatär lebt, und wohl gern ein paar Gläsern des süßen Weines mehr frönt, als ihm gut tut, auch wenn man ihm das nicht anzusehen vermag. Auch neige er dazu, der einen oder anderen jungen Dame aus der Gemeinde etwas zu viel Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Der Vikar zeigte sich allerdings sehr bestürzt ob der Tragödie, die sich in seiner Sakristei zugetragen hat und – so berichtete mir Inspektor Hamilton – sprach sogar noch ein Gebet für den Verstorbenen, um seine Seele dem Herrn anzuempfehlen.
»Das ehrt ihn dann ja doch noch, Holmes.«
»Gewiss. Nur hilft uns das nicht viel weiter. Aufschlussreicher ist da schon eher die Tatsache, dass sich weder an den beiden Eingängen der Kirche noch an der Tür der Sakristei oder sonst wo Einbruchsspuren haben finden lassen. Die einzig sinnvolle Spur fand sich bei meiner Inspektion des Rachens des Toten.«
»Des Rachens? Sagen Sie bloß nicht, Sie haben das Papier mit dem eigentümlichen Krokodil darauf in seinem Hals gefunden! Das Stück Papier war zwar alt, jedoch ansonsten völlig intakt.«
»Famos beobachtet, guter Watson. Sie kennen doch meine Neigung zu, nun sagen wir einmal, Sekundärliteratur?«
»Sie meinen Ihre obskuren Schriften über allerlei Unsinniges und Herbeifantasiertes?« gab ich belustigt von mir.
»Nun, wie auch immer Sie meine Sammlung titulieren möchten – Sie hat schon oft Aufschluss über die kleinen Nebensächlichkeiten unserer Fälle gegeben; Nebensächlichkeiten, welche sich anschließend als eminent für die Lösung der uns präsentierten Probleme entpuppt haben. Was fand sich also im Rachen des Toten? Ich will es Ihnen verraten. Es war kein Leichtes für mich, da heran zu kommen und ich entdeckte es auch nur, weil in mir ein Verdacht keimte. So barg ich mittels einer langen Pinzette schließlich die abgerissene Hälfte eines dünnen Blättchens Papier, auf dem sich eine Bleistiftzeichnung fand.«
»Das Krokodil!« entfuhr es mir.
»Erfasst, teurer Freund. Was sich auf der oberen, der fehlenden Hälfte zeigt, kann ich unmöglich sagen, doch auf dem vorliegenden Fragment fand sich eine – im Übrigen noch unschöner anmutende – Version des Krokodils, die sich auch auf dem kleinen Blatt Papier findet, welches Sie gerade in Händen halten. Diese Seite stammt aus einem Exemplar jenes Buches, das auch Teil meines privaten Fundus ist, der Sie immer so stark zu überfordern scheint. Ein Werk, welches sich neben kuriosen kulturellen und landschaftlichen Beobachtungen unter anderem auch mit Arten und Unterarten von Landwirbeltieren und Vögeln befasst, welche ein zoologisch nicht allzu bewanderter Weltreisender auf seinen Unternehmungen gesehen haben will. Bei der Lektüre dieses Werkes ging es mir seinerzeit weniger um die seltsamen Tierzeichnungen als um mögliche Verbrechen, derer der Autor unbewusst Zeuge wurde. Das Buch stammt aus der napoleonischen Ära und bot mir dringend benötigten Aufschluss über einen bis vor wenigen Jahren hierzulande noch unbekannten Serienmörder, der in der Tat auf allen fünf Kontinenten sein Unwesen getrieben hat. Um diese Dinge en detail auszuführen, ist gerade keine Zeit. Wichtiger scheint, dass ich mich schnell entsann, diese Art von Krokodil schon einmal gesehen zu haben. Nachdem ich mich bei Inspektor Hamilton und den beiden Kirchenmännern empfohlen hatte, fand ich Gelegenheit, die übrigen Räumlichkeiten von St. George's und das Areal rund um die Kirche einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.«
»Wurden Sie fündig, Holmes? Es muss doch noch Spuren gegeben haben.«
»Nein, Watson. Es fand sich gar nichts. Seit Tagen hat es nicht geregnet, nirgendwo konnte ich verwertbare Fußspuren ausmachen. Außerhalb der Sakristei fanden sich weder Blut noch irgendwelche Zeichen eines Kampfes«, gab Holmes zu; ungeduldig und frustriert.
»Wie ging es weiter?«
»Ich setzte mich auf die Stufen der hohen Treppe, die am großen Portal dieser klassizistischen Kirche hinauf zu sechs riesigen Säulen führten und inhalierte eine Pfeife darüber. Als meine Sinne sich schärften, nahm ich den schwachen Geruch frischen Brots war. Das brachte mich auf den Gedanken, die umliegenden Geschäftstreibenden zu konsultieren, ob sich nicht etwas Ungewöhnliches in den frühen Morgenstunden zugetragen hätte. So besuchte ich die von mir bereits olfaktorisch ermittelte Bäckerei, ein Telegraphenamt sowie zwei Krämer. Leider war all diesen Bemühungen kein Erfolg vergönnt. Der Bäcker meinte sich zu entsinnen, gegen sieben Uhr hastige Schritte vor seinem Geschäft gehört zu haben, allerdings war er sich dessen nicht ganz und gar sicher. Dies wirkt auch nicht sehr erhellend, da unser Opfer zwar etwa zu dieser Zeit den Tod gefunden hat, diese Geräusche jedoch von jedem hätten stammen können. Bevor ich also wieder hier eintraf, um in der Abstellkammer meinen Erinnerungen nachzujagen – mit Erfolg, wie Sie bereits wissen –, begab ich mich zum University College und bat um eine Unterredung mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Zoologie. Sehen Sie, ich wollte mich voll und ganz vergewissern, worum es sich beim unserem Krokodil handelt.«
»Was ergab Ihre Unterredung?« wollte ich wissen.
»Gar nichts. Professor Lloyd war abwesend. Ich versicherte seiner Sekretärin, dass es sich um eine wichtige polizeiliche Angelegenheit handele und seine Expertise dringend benötigt würde. Sie versicherte mir, Sie sorge dafür, dass er sich heute Abend gegen acht Uhr in der Baker Street einfände.«
»Dann erwarten wir ja Besuch, Holmes! Ich wäre dankbar gewesen, hätten Sie mir das schon etwas eher gesagt, ich bin schon in meiner Abendpelerine und es ist bereits 8 Uhr!«
»Mein guter Watson, der Professor trägt Derartiges gelegentlich höchstwahrscheinlich auch, so wird ihn Ihr Anblick sicher nicht um den Schlaf bringen.«
Holmes hatte gut reden, er war es ja nicht, der sich blamierte. Die Intelligenzia in Gestalt des Professors neigte nicht zur Unpünktlichkeit, wie ich anfangs noch zu hoffen wagte. Wenige Momente nach dem Glockenschlag läutete es an unserer Tür. Albert Lloyd, dem ich nur dem Namen nach kannte, erwies sich als hagerer Gentleman von würdevollen Gebaren, einer Hakennase à la Holmes und sonnengegerbter Haut. Seine Züge waren so verformt, wie es oft bei Personen zu beobachten ist, die einen Kneifer tragen. Nach dem er uns – mich im Besonderen – ausgiebig gemustert hatte, folgte er Holmes Aufforderung und ließ sich auf der Couch nieder. Bisher verlief dieses Begegnung gänzlich wortlos.
»Ich hoffe, Sie verzeihen, Herr Professor«, brach Holmes endlich die kühle Ruhe, »Plötzlichkeit und späte Stunde sind lediglich Resultate der hohen Dringlichkeit, welche der hier gegenständlichen Sachlage eigen ist.«
Die Züge des Professors verloren etwas von ihrer Härte, ja, da war sogar der Anflug eines Lächelns.
»Schon gut, Mr. Holmes. Ich fühle mich durchaus geehrt, wenn der eminente Fachmann eines Gebiets den Fachmann einer ihm fremden Disziplin konsultiert, um an seinem Wissen zu partizipieren. Nur, und Sie mögen mir dieses Geständnis verzeihen, müssen meine Katze, meine beiden Hunde sowie mein Leguan heute verspätet zu Abend essen und das sind sie, wenn ich das so ausdrücken darf, alles andere als gewohnt. Außer von mir selbst lässt sich gerade der gute Leonard – ein großartiges Exemplar der Gattung Brachylophus, das ich von den Fidschi-Inseln mitgebracht habe – nur noch von meiner werten Schwester füttern. Sie kurzfristig aus Portsmouth anreisen zu lassen, war keine Option. Mein Diener hat sich bereits mehrmals daran versucht und kläglich versagt. So hoffe ich, es handelt sich in der Tat um eine Sache, welche keinen Aufschub bis morgen früh duldet.«
»Das möchte ich Ihnen gern versichern, Herr Professor«, antwortete Holmes belustigt. »Ich werde es für Sie kurz halten, gerade ob Ihrer außergewöhnlichen zoologischen Umstände. Ist Ihnen ein Tier wie dieses ein Begriff; ein Krokodil, welches so oder so ähnlich aussieht?«
Holmes reichte unseren Besucher die Seite aus seinem alten Buch. Professor Lloyd examinierte die darauf befindliche Zeichnung und ließ nachdenklich den Blick schweifen, bis er wieder das Wort an uns richtete.
»Meine Herren, ich bin überrascht, dass muss ich gestehen. Vor allem, da sich dieses Exemplar in Ägypten gefunden haben soll.«
»Wie kommen Sie darauf, Professor?« fragte Holmes eilig und sichtlich irritiert.
»Nun, hier ist eben nicht nur ein Krokodil auf der Vorderseite zu sehen, sondern auch der Ausschnitt eines Registerkürzels wie es in der 'Description de l'Egypte' zu finden ist, dem einzigartigen frühägyptologischen Werk jener Forscher, die Kaiser Napoleon bei seinem großen Feldzug anno 1798 begleiteten. Dabei handelt es sich um eine sehr umfangreiche Sammlung von Hieroglyphen- und Bilddokumenten. Mir ist dieses Werk nur sporadisch bekannt, jedoch umfasst es meiner Kenntnis nach auch eine Reihe zoologischer Zeichnungen endemischer Arten. Das allerdings Gaviale in Ägypten heimisch sind, oder es jemals waren, ist mir nicht bekannt.«
»Gaviale?« unterbrach ich den Professor.
»Sie müssen wissen, die Ordnung der Krokodile umfasst neben dem echten Krokodil und den Alligatoren noch eine dritte, weit weniger bekannte Familie, nämlich diejenige der Gavialen, welche eine spitze, längliche Schnauze besitzen und alles in allem Ihrem Exemplar ähneln. Sie sind meines Wissens nach lediglich in unseren Kolonien im nördlichen Indien sowie in Nepal beheimatet, andere Gattungen sollen auch im schönen Singapur sowie auf den Inseln Sumatra und Borneo gesichtet worden sein. Das eine Gattung der Gavialen in Ägypten vorkommt, erscheint mir im höchsten Maße unwahrscheinlich. Wenngleich ich nicht ausschließen möchte, dass Gaviale vor langer Zeit auch in Ägypten heimisch gewesen sein könnten.«
»Mein Gott, Watson, was bin ich nur für ein entsetzlicher Narr!«, brach es plötzlich aus Holmes heraus. »Wie konnte mir nur das Offensichtliche entgehen. Ich suchte Bäckereien und Krämer auf, obwohl ich heute doch wenigstens zweimal am monumental anmutenden Lösungsansatz vorbeigefahren bin!«
»Professor, ich danke Ihnen vom Herzen. Sie haben einem Blinden unwissentlich die Augen geöffnet und erleuchtet, was längst vor ihm ausgebreitet war. Ich bin sicher, Ihre kleine Menagerie wird Sie schon schmerzlich vermissen. Den Weg nach unten kennen Sie ja bereits.«
Wenig später, als unser verdutzt dreinschauender Gast gerade erst aus der Tür war, brach Holmes in hastige Betriebsamkeit aus.
»Ziehen Sie sich um und machen Sie sich bereit auszugehen, Watson. Ich suche uns derweil eine Droschke und warte unten auf Sie. Uns erwartet eine lange Nacht.«
»Wo fahren wir denn hin?«
»Zum Yard und danach direkt nach Bloomsbury.«
»Wir begeben uns zum Schauplatz des Verbrechens, nach St. George's?«
»Ja und nein, alter Junge. Jetzt gilt es keine Zeit zu verschwenden, wir müssen ein weiteres Verbrechen verhindern. Das Wild ist auf, treuer Freund, und das nicht nur beim heiligen George!«
»Gott mit Heinrich! England! Und Sankt George!« blies ich zum Sturm.
Sherlock Holmes verbrachte den Großteil seines Berufslebens mit reiner und im allerhöchsten Maße anspruchsvoller Geistesarbeit. Doch wenn er in die Schlacht zog und hoffte, sein Gegenspieler rüstete gleichsam zur letzten Offensive, dann war er nicht mehr zu bändigen. Eine der zahlreichen Ausgeburten dunkler Kräfte, welche oftmals noch nicht einmal zu ahnen wagte, mit wem es bald die mentalen Klingen zu kreuzen galt, bekam es dann mit der ganzen Macht geistiger und physischer Stärke des größten Detektivs Europas zu tun.
Wenig später saßen wir in unserer Droschke und ratterten in Windeseile durch die nebligen Straßen Londons. Es war bereits neun, als zu unserer Rechten Big Ben zur vollen Stunde schlug. Unser Kutscher bog links ab und bald hatten wir das Yard am Victoria Embankment erreicht. Inspektor Hamilton war Junggeselle und pflegte daher ganz und gar in seiner Arbeit aufzugehen, weswegen es mich nicht wunderte, in zu weit fortgeschrittener Stunde noch an seinem Schreibtisch anzutreffen; vertieft in Fallberichte. Der Inspektor war Anfang dreißig, schlank und von mittlerer Größe, trug einen gezwirbelten Schnauzbart und legte im Allgemeinen viel Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Seine Augen sprühten immerzu vor Tatendrang und Wissbegierde. In Holmes hatte er einen idealen Lehrmeister gefunden und dem großen Detektiv imponierte es sichtlich, wieder einmal einen dankbaren und vor allem begabten Schüler unter seine Fittiche nehmen zu können.
»Mr. Holmes, ich bin erfreut, Sie und Dr. Watson anzutreffen«, begrüßte uns Hamilton und drückte uns herzlich die Hände. »Beinahe hätte ich Sie selbst noch aufgesucht; dann habe ich einen Blick auf die Uhr geworfen und mich eines Besseren besonnen. Mr. Holmes, irgendetwas stimmt hier nicht. Ich habe immer und immer wieder den Bericht sondiert und darüber nachgedacht, wie der Täter in das Gotteshaus gelangt sein soll. Ganz zu schweigen davon, wie er sich dann wieder aus den Staub gemacht haben will. Keinerlei Einbruchspuren, keine versteckten Türen oder Klappen. Und was mich an der Sache besonders stört: Wie konnte dieser Mensch gleich drei massive Türen völlig spurlos überwinden?«
»Haben Sie eine Theorie, Inspektor?« fragte Holmes.
»Der Täter hatte einen Schlüssel! Entweder hat er sich unbemerkt einen Abdruck beschafft, oder, und ich wage es kaum auszusprechen: Es war einer der Gottesmänner aus St. George's.«
»Ich darf Ihnen gratulieren, Inspektor. Sie haben sich die richtigen Fragen gestellt und die zwangsläufigen Schlüsse gezogen. Was fehlt uns noch, um des Täters habhaft zu werden?«
»Zuerst müssen wir uns der Verbindung von Opfer zu möglichen Tätern klar werden. Diesen Aufschluss erhalten wir jedoch nur, wenn wir der Identität des Opfers näherkommen. Von den beiden Geistlichen ist, wie Sie selbst gesehen haben, nicht viel zu erfahren. Mir scheint viel mehr, als könnten sie einander ebenfalls nicht besonders gut leiden.«
»Sie vergessen die Zeichnung«, gab Holmes zu bedenken.
»Ach, das groteske Krokodil. Haben Ihre Nachforschungen in dieser Richtung etwas ergeben, Mr. Holmes? Bevor ich es vergesse: Sie können das Papier jetzt gern an sich nehmen. Meine Kollegen haben es kopiert und abgeheftet.«
»Nun, Sie meinen, die Identität des armen Unbekannten wird uns zum Täter führen. Das denke ich auch. Allerdings meine ich, dass uns das Motiv der Tat zum Namen und – noch wichtiger – zum Beruf des Opfers führen wird. Dieses Vorgehen wird uns, so möchte ich annehmen, direkt zum Täter führen. Sie müssen wissen: Auch ich fertigte auf meine Weise eine Kopie der besagten Zeichnung – weswegen ich das Original auch nicht mehr benötige – um sie in meinem Geiste abzulegen. Und meine Erinnerung hat mich nicht getäuscht, auch wenn ich – das muss ich gestehen – ein wenig Hilfe benötigte habe, um dieser Erinnerung ihren rechten Platz in unserem kleinen Puzzle zuzuweisen.«
»Gut, Mr. Holmes. Ich kenne ja Ihre Methoden und tue gut daran, Ihren Thesen zu folgen, um davon zu profitieren. Was schlagen Sie vor?«
»Wir sollten uns sofort nach Bloomsbury begeben, dort wird der nächste; der zugleich letzte Akt dieses Dramas zu erwarten sein.«
Wieder saßen wir in einer Kutsche, diesmal jedoch in einem Brougham, welcher nebst Kutscher vor dem Gebäude wartete, um die Herren Inspektoren möglichst schnell und komfortabel vom Yard ans gewünschte Ziel zu bringen. Holmes reichte dem Kutscher noch ein Papier, das er in Eile bekritzelt hatte und dann fuhren wir auch schon los. Zu unserer Rechten war die Themse nur zu erahnen, waren ihre Fluten im dichten Nebel kaum zu erkennen. Dann bogen wir ab Richtung Bloomsbury und in meinem Kopf wälzte ich die Frage, welche Gräuel uns heute Nacht dort erwarten würden. Gegen viertel vor zehn erreichten wir unser Ziel. Eine wahre Überraschung für mich; da es, trotz seiner Nähe zu St. George's, auch in meinen Überlegungen bisher keine Rolle gespielt hatte.
»Das Britische Museum! « entfuhr es Hamilton.
»Machen Sie sich nichts daraus, guter Inspektor. Selbst ich brauchte Unterstützung, um das Offensichtliche letztlich erfassen zu können. Aber kommen Sie, meine Herren. Lassen Sie uns den Nachtwächter aufsuchen und uns jene Informationen besorgen, die uns bisher noch fehlen.«
Wir läuteten also an der Wohnung des Nachtwächters Mr. Crane, welcher uns sichtlich verblüfft öffnete. Das recht blasse Gesicht zierten ein eigentümlich frisierter Kinnbart und eine feine Narbe knapp oberhalb des rechten Auges. Er führte uns in sein Wohnzimmer, in dem lediglich ein kleines Kaminfeuer und eine beinahe abgebrannte Kerze Licht spendeten. Wir nahmen Platz und unser Gastgeber erbat sich von uns eine Darlegung des Grunds für diese abendliche Heimsuchung.
»Es geht uns um die Aufklärung eines Verbrechens«, eröffnete Holmes dem neugierig dreinschauenden Mann. »Eines Verbrechens, das sich heute Morgen hier ganz in der Nähe zugetragen hat; sowie um die Vermeidung eines zweiten Verbrechens, welches – so vermute ich aufs Stärkte – heute Nacht in dem Museum geschehen soll, für dessen nächtlichen Schutz Sie, werter Herr, die Verantwortung tragen.«
»In der Tat, Mr. Holmes? Ich bin schockiert! Wenn ich mir ausmale, welch Skandal das wäre. Und dann noch während meiner Schicht! Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Indem Sie unsere Fragen haargenau beantworten.«
»Mit allen Kräften, Mister!«
»Ich nehme an, Sie sind bestens über die Angehörigen dieser Einrichtung informiert und wissen beispielsweise, wer pünktlich zu Dienstbeginn erscheint und wer nicht?«
»Gewiss, Mr. Holmes. Auch wenn ich in erster Linie der Nachtwächter bin, wird mir vieles zugetragen. Zudem fungiere ich als Portier. Ein jeder Angestellter muss sich des Morgens gegen Ende meiner Nachtschicht bei mir eintragen und zum Abend wieder austragen, wenn meine Schicht beginnt. Dasselbe gilt auch für Gäste, die sich zu Beginn und Ende ihres Aufenthalts bei mir melden müssen. Natürlich sind reguläre Ausstellungsbesucher davon nicht betroffen.«
»Famos! Ich entsinne mich, vor über anderthalb Dekaden Gleiches täglich unter Ihrem Vorgänger erlebt zu haben, als ich noch regelmäßig die Schätze Ihrer großen Bibliothek studieren durfte. Das Prozedere hat sich also nicht geändert.«
»So ist es. Bereits seit vielen Jahrzehnten wird im Britischen Museum so verfahren.«
»Dann können Sie mir sicher auch verraten, welcher der Angestellten heute kurzfristig nicht zur Arbeit erschienen ist?«
»Wir sind ein großes Haus mit vielen Angestellten, Mr. Holmes. Das trifft auf mehrere Personen zu.«
»Ich interessiere mich konkret für einen Gentleman, Anfang dreißig, dunkle Haare, schlank und von mittlerer Größe. Er arbeitet in der Abteilung für Ägyptologie oder hat gelegentlich mit ihr zu tun. Zudem ist es mehr als wahrscheinlich, dass er als Halbwaise aufgewachsen ist. Im fehlte zumindest der väterliche Teil elterlicher Zuneigung.«
»Meine Güte, Mr. Holmes!« brach es aus Hamilton heraus.
»Nur Geduld, Hamilton. Aber ich sehe, Sie beteiligen sich intensiv an meinen Deduktionen. Bravo!«
»Wenn Sie gestatten, Gentlemen,« warf der Alte ein, »Ich kann Ihnen genau sagen, wen Sie suchen, wenngleich ich Ihnen gleich sagen muss, dass ich für die Seriosität und Courage von Dr. Knorr jederzeit meine Hand ins Feuer legen würde.«
»Dr. Knorr heißt er also? Was können Sie uns noch über ihn sagen?« insistierte der Inspektor ungeduldig.
»Nun, Dr. David Hieronymus Knorr ist ein junger Archäologe, geboren und aufgewachsen in Southampton, soweit ich weiß. Nach seinem Studium hat er mehrere große Exkursionen in Ägypten begleitet. Dort arbeitete er wohl mit einigen der größten Entdecker berühmter Königsgräber zusammen, unter anderen mit Petrie und Quibell. Erst vor wenigen Monaten hat er hier im Britischen Museum begonnen, Funde aus der jüngsten Ausgrabung zu katalogisieren, an der er beteiligt war. Sehen Sie, ich interessiere mich auch ein wenig für das alte Ägypten und Dr. Knorr und ich haben es uns zur Gewohnheit gemacht, beinahe täglich vor Beginn seiner Arbeitszeit ein wenig über seine Forschung zu fachsimpeln. Er nimmt sich immer viel Zeit für mich und erscheint deswegen meist schon zehn bis zwanzig Minuten vor Dienstbeginn. Am Häuschen plauschen wir dann, soweit es bezüglich meiner Pflichten schicklich ist.«
»‘Quibell‘, sagten Sie?« fragte Holmes. »James Edward Quibell, der gerade erst seine zweite Grabung in Hierakonpolis abgeschlossen hat?«
»Ganz recht, Mr. Holmes.«
»Und bei dieser Grabung zugegen war auch Dr. Knorr?«
»Auch richtig. Dort hat er gemeinsam mit Quibell gearbeitet und nun ist er mit dem kleinen Anteil jener Artefakte, die ans Britische Museum gegeben wurden, tagein, tagaus beschäftigt. Heute jedoch ist er tatsächlich nicht erschienen. Ich habe mich auch schon gewundert, das ist bisher noch nicht vorgekommen. Doch wollte ich mich nicht zu früh in Sorgen ergehen. Wissen Sie, Dr. Knorr ist sehr gewissenhaft und stets pünktlich. Er sagte einmal zu mir: Jeder Mensch, der mit Gottes Hilfe eine schwere Zeit bewältigen konnte und dem dann noch besondere Begabungen geschenkt wurden, trage große Verantwortung, dieser Güte Gottes auf Erden gerecht zu werden. David ist bei seiner armen Mutter aufgewachsen. Er war gerade vier Jahre alt, als sein Vater starb. Aber man sollte nicht behaupten, dass dessen Dahinscheiden ein ausgesprochenes Übel für Mutter und Sohn darstellte. Der Kerl war ein Trinker und Glücksspieler und geriet des Öfteren in Konflikt mit dem Gesetz. Eines Tages stürzte er im Rausch über die Reling seines Fischkutters und verschwand in den Fluten des Kanals. Wenig später erkrankte Davids Frau Mutter an einem Nervenfieber und überlebte dies nur knapp. Die Tante kümmerte sich fortan um den Jungen. Später ermöglichte sie ihm gar ein Studium in Oxford.«
»Großartig, guter Mann!«, rief Holmes. »Können Sie uns noch sagen, ob Dr. Knorr hin und wieder Besuch während seiner Arbeitszeit erhielt?«
»Gewiss, Mr. Holmes. Ein älterer Gentleman, der sich als ‚Mr. Fox‘ vorgestellt hat, hat in den letzten paar Wochen des Öfteren bei Dr. Knorr hereingeschaut.«
»Was können Sie uns über jenen gewissen Herrn sagen?«
»Eine recht große Erscheinung mit salbungsvollem Gebaren, trotz geduckten Gangs. Zudem trug er eine Kette um den Hals, jedoch größtenteils von einem dunklen Pullunder verborgen. Im Wesentlichen sind das die Dinge, welche mir ins Auge gefallen sind.« Er zögerte.
»Noch etwas?«, hakte Holmes nach.
»Nun, es liegt mir fern, schlecht über einen Freund des guten Dr. Knorr zu sprechen, weshalb ich auch gezögert habe, es gleich zu sagen. Nun, Mr. Fox verströmte des Öfteren einen starken alkoholischen Geruch und wirkte auch von Mal zu Mal in zunehmenden Maße berauscht.«
»Jetzt sind wir endlich ganz und gar im Bilde. Eines muss ich Ihnen nun noch gestehen, bevor wir zur Tat schreiten: Ihr guter Bekannter hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht, er wurde vielmehr Opfer einer solchen Tat. Und nun liegt es an uns, seinen Mörder zu fassen und ihn an weiteren Untaten zu hindern. Möchten Sie uns dabei helfen?«
Bei diesen Worten war der Mann in seinem Stuhl zusammengefahren. Der allerletzte Rest von Farbe wich aus seinem Gesicht. »Ach du lieber Himmel, wie furchtbar! Mr. Holmes, meine Herren, natürlich will ich Ihnen in jeder erdenklichen Art helfen, diesen Verbrecher dingfest zu machen.«
Der Nachtwächter führte uns auf Holmes‘ Wunsch hin durch die „heiligen Hallen“ der Naturkunde. Wir betraten den imposanten Gebäudekomplex, der die großen Schätze der Ausstellung beherbergt – einst Teil der Sammlung Sir Hans Sloanes, des ersten Barons von Chelsea. Wir durchwanderten die große Eingangshalle, vorbei am Büro des Direktors, bis hin zum Hofzugang. Mr. Crane eröffnete uns auch dieses Portal und schon schritten wir zu Füßen der großen Bibliothek zum Eingang der Abteilung für Ägyptologie. Hinter einer riesigen Flügeltür von dunklem Holz warteten die Relikte einer längst vergangenen Weltmacht auf. Schaukästen voller Papyrusrollen und Skarabäen, reich verzierte Sarkophage mit den Mumien der großen Pharaonen an den Wänden; Statuetten wohlproportionierter, katzenhaften Königinnen thronten auf großen Sockeln und wurden in ihrer zeitlosen Schönheit nur noch übertroffen, von den Abbildern der Tiergottheiten, welche die alten Ägypter verehrt hatten. Ein kleiner Gang führte uns abseits dieses Glanzes in den Arbeitstrakt der Forscher. Unter die zahlreichen Büros – meine Auge verfing sich im Vorbeigehen an einem Schildchen, das den Namen unseres unglücklichen Mordopfers trug – reihten sich kleine und größere Lagerräume, Heim der weniger glamourösen Stücke der Sammlung. Hinter einer weiteren Biegung des Korridors lag endlich das Ziel unserer Exkursion: Mr. Crane entriegelte eine Tür, die vielsagend mit dem Wort 'Labor' tituliert war; und hier stießen wir auf die Relikte der Ausgrabung in Hierakonpolis, an der unser armes Opfer zuletzt beteiligt gewesen war. Holmes wies unseren Führer an, auch diese Tür wieder zu verschließen, wie er es bereits mit jeder anderen Tür gehandhabt hatte, deren Schwelle wir an jenem Abend überschritten hatten. Das flackernde Licht unserer Handlaternen erfüllte einen großen, quadratischen Raum von etwa sechs mal sechs Metern Größe. Beinahe zur Gänze eingenommen wurde er von einem gewaltigen ovalen Tisch, auf dem sich eine Vielzahl kleiner, teils etikettierter Exponate versammelt hatte. Sie waren in Gesellschaft dicker Bestands- und Registerbüchern, die sich zu dutzenden auch in hohen Regalen fanden. All das zeugte vom Plan einer gründlichen Katalogisierung und Erforschung der soeben erst in Oberägypten geborgenen Relikte. Hier lagen Tonplatten verziert mit Hieroglyphen, dort ragten kleine Statuetten aus dem Packstroh in den Überseekisten, die den Raum verstopften. Am gegenüberliegenden Ende des riesigen Eichentischs erahnte ich Papyrusrollen, die sich allerdings in keinem allzu guten Zustand befanden. Zwischen Tischkante und einer Regalwand linker Hand stand ein weiteres Möbel, darauf lagerten ein Federetui, Papier und Lupen von verschiedenen Stärken. Eine Lampe überstrahlte die Szenerie mit dem nüchternen weißen Licht eines Operationssaals und erinnerte an die kühle Anwesenheit der Moderne in einem Tempel, geweiht der Geschichte.
Holmes unterzog noch jeden kleinsten Gegenstand seinem prüfenden Blick und durchforstete die Aufzeichnungen des jungen Archäologen Dr. Knorr nach Hinweisen, die Licht ins Dunkel dieses Verbrechens bringen könnten. Nach einigen Minuten schien er fündig geworden zu sein. Einige Momente lang starrte er auf eine der Registraturen, dann eilte er wie vom Blitz getroffen im Raum umherzueilen und die Regale abzulaufen. Ein Buch nach dem anderen zog er heraus und schob es anschließend wieder hinein. Schließlich fand er, wonach er suchte. Holmes tastete nach einer dicken Schwarte, auf deren Rücken in goldenen Lettern etwas wie 'Robinsons Märchen' geprägt war – es ließ sich nicht gänzlich herausziehen. Im Inneren des Regals klickte und klapperte es leise. Holmes hatte einen geheimen Mechanismus in Gang gesetzt; und ein Teil der Bücherfront löste sich vom Boden bis zur Decke und gab einen schmalen Spalt frei.
»Ein seltsamer Fund«, bemerkte Hamilton irritiert, »wenn man bedenkt, welcher Disziplin diese Abteilung sich verschrieben hat.«
»Folgen Sie immer dem, was nicht zum Rest passt«, warf ich ein. »Was genug von der Norm abweicht, um aufzufallen und sich als etwas Besonderes herausstellt, wird das Dunkel fast immer zu erhellen vermögen«
»So ist es, alter Knabe.« pflichtete Holmes bei. »Und jetzt möchten wir einen kurzen Blick riskieren. Wollen wir einmal sehen, was sich hinter dieser Bücherwand verbirgt.«
Holmes examinierte die kleinen Schlitze der mannshohen, bisher verborgenen Wandöffnung. Einige Augenblicke später fischte er ein etwa dreißig mal zwanzig Zoll messendes Tonfragment hervor. Nachdem er es sich geschwind angeschaut hatte, legte er es zurück an sein Versteck, verschloss vorsichtig die Bücherwand und schob behutsam den alten goldgeprägten Lederrücken zurück an seinen Platz.
»Nun gilt es abzuwarten und das Licht zu dimmen, meine Herren.«
»Was haben Sie denn dort gefunden, doch nicht etwa ein Krokodil im Miniaturformat?«, wollte der belustigte Inspektor wissen.
»In gewisser Weise habe ich das sehr wohl, mein lieber Hamilton. Aber später wird gewiss noch reichlich Gelegenheit sein, alles ausführlich zu erläutern. Jetzt möchte ich Sie alle bitten, hinter diesem Paravent, der so passend bereitsteht, Posten zu beziehen und Ihre Lumineszenz sowie Ihre akustische Vernehmbarkeit auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.«
Wir gingen also in Stellung hinter dem Wandschirm und dunkelten die Laternen ab. Holmes gab seine Unlust zu tiefergehenden Erläuterungen zu Verstehen und gemahnte uns zur Ruhe. Der große Detektiv ließ sich im Schneidersitz nieder, schloss die Augen und legte seine Fingerkuppen aneinander. Wie er da so im beinahe sakralen Halbdunkel saß, erinnerte er mich an den Buddha, der völlig im Einklang mit sich selbst und dem Universum auf die Erleuchtung wartet. Mr. Crane tat es ihm insofern gleich, als dass er sich ebenfalls setzte und in völliger Bewegungslosigkeit verharrte. Hamilton und ich standen noch eine Weile herum und lugten von Zeit zu Zeit über den Rand unseres Verstecks. Nach einiger Zeit dessen überdrüssig begaben wir uns schließlich auch zu Boden. Unsere Wartezeit erschien sich fast unerträglich lang hinzuziehen. Wie lange wir schon auf der Lauer lagen, konnte ich nur abschätzen, da es in dieser Dunkelheit keinem von uns möglich war, die Zeit von unseren Uhren abzulesen. Eine Dunkelheit, die auch sinnbildlich für meine Ratlosigkeit bezüglich dessen stand, was und vor allem wer uns hier heute Nacht erwarten würde.
Um Einiges später, sicher schon weit nach Mitternacht, wurde Holmes‘ geradezu statuenhafte Ruhe - Ahnungslose hätten durchaus glauben können, er sei eingenickt – durch ein Geräusch gestört. Er öffnete die Augen, rutschte auf die Knie und legte sich wie ein Raubtier in Erwartung seiner Beute auf die Lauer. Einige Minuten geschah nichts. Wir anderen drei wagten weder Laut noch Bewegung. Schließlich vernahm ich ein Knirschen – der Schlüssel im Türschloss! Holmes bewegte sich keinen Inch vom Fleck, beobachtete mit einem Auge jedoch ganz genau, was sich jenseits unseres Verstecks zutrug. Auch Hamilton und ich krochen nun vorsichtig zum dem Holmes entgegengesetzten Ende des Wandschirms, um der Szenerie zu folgen.
Als sich die Stunden zuvor von Mr. Crane gründlich verschlossene Tür endlich öffnete, drang der Schein einer Lampe ins Zimmer. Vom Licht geblendet, erahnte ich lediglich den Umriss einer Person im grauen Regencape. Die Person schloss die Tür hinter sich, vorsichtig und beinahe ohne jeden Laut, um sich dann schnell zum Artefaktentisch zu begeben. Er stellte seine Lampe ab und beugte sich über die Aufzeichnungen des seligen Dr. Knorr. Wie Holmes vor einigen Stunden, schien er die Aufzeichnungen und einige der verstreuten Relikte längst vergangener Tage gründlich zu untersuchen. Schließlich öffnete er sein Cape ein Stück weit und entnahm der Innentasche den zerknüllten Fetzen eines Papiers. Er glättete es, breitete es vor sich aus und verglich es mit einem Bogen auf dem Tisch. Dann, plötzlich und ohne Vorwarnung, stieß er etwas für mich unverständliches aus und hastete zu jener Bücherwand, mit der sich auch mein Freund Holmes zuvor intensiv beschäftigt hatte. Er fand den alten Lederrücken, bewegte ihn nach vorn, die Geheimtür öffnete sich und gab das verborgene Tonfragment preis. Unser nächtlicher Eindringling griff hastig danach und mühte sich um Verwischung der Spuren, die seine nächtliche Anwesenheit hätten verraten können. Als er mit alledem fertig war, öffnete er sein Cape noch ein Stück weiter und zog einen Beutel aus dem Sakko hervor, welches er darunter trug.
»Das dürfte reichen, mein Herr!« brüllte Holmes. Gleichzeitig richtete er den Scheinwerfer seiner Lampe in die Richtung des Verbrechers, der darauf erschrocken zurückwich und die alte Tonplatte fallen ließ. Sie zerbarst ist dutzende Teile.
»Sie verdammter Bastard!«, schrie der Räuber und fischte hastig nach irgendetwas in den Innentaschen seiner Jacken.
»Watson, Hamilton! Darf ich Sie bitten, nun endlich Ihre Revolver zu ziehen und unseren Besucher in seine dringend benötigten Schranken zu weisen.«
Wir zögerten keine Sekunde – zogen und entsicherten unsere Waffen und richteten sie beinahe synchron auf den unheimlichen Gentleman im Regencape. Er zuckte zusammen und schien kurz zu erwägen, ob er das Schicksal herausfordern solle, nahm dann jedoch lieber Abstand davon. Er streckte uns seine Hände entgegen und Hamilton ließ sich nicht zweimal bitten, ihm die wohlverdienten Handschellen anzulegen. Als er dem Halunken die Kapuze aus dem Gesicht zog und ihm ganz klar in die Augen blicken konnte, traten abwechselnd Erstaunen und blanke Wut ins Gesicht des Inspektors. Genies müssen angemessen hofiert werden – daher ersuchte Holmes den Inspektor, uns trotz der nächtlichen Stunde zusammen mit dem Gefangenen in die Baker Street zu begleiten um uns ganz und gar ins Bilde dieser Tat und ihrer näheren Umstände setzen zu dürfen.
Kurz darauf saßen wir auch schon im Brougham der Polizei, welcher gen Baker Street durch die zunehmend nebligen Straßen unserer großen Stadt vorwärts zuckelte. Schnell kamen wir nicht voran und während der gesamten Dauer unserer Kutschfahrt unterhielt uns der neuer Passagier mit wilden Verwünschungen, die sich vor allem gegen Holmes und die Polizei richteten. Meine Taschenuhr verriet mir, dass es halb drei Uhr morgens war, als wir endlich die Marylebone Road verließen und auf die Baker Street einbogen. Hamilton bewegte seinen ungebärdigen Gefangenen mit eindringlichen Mitteln zum Übertreten der Türschwelle, um ihn schließlich ins Wohnzimmer und auf einen Stuhl zu schleifen. Der Inspektor selbst bezog auf einem zweiten Stuhl, direkt daneben Stellung und behielt den Täter sehr ausdauernd und voller Entschlossenheit im Auge. Ich setzte mich in meinen Sessel und warf einen fragenden Blick auf Holmes, der zunächst das übernächtigte Kriminalistengespann mit Cognac und Zigarren versorgte und es sich dann in seinem Sessel gemütlich machte.
»Sie, Herr Detektiv«, fauchte der immer noch vor Wut schäumende Mann, »könnten mir wenigstens auch einen Drink einschenken, wenn Sie mir schon keine Zigarre anbieten!«
»Ach herrje«, sprach Holmes höhnisch, »versäumte ich etwa, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich nur mit denjenigen Gesetzesbrechern zu trinken und zu rauchen pflege, denen wenigstens ein Mindestmaß an Moral und Anstand zu eigen sind?«
»Wie konnten Sie, ein Mann Gottes, ein Priester, sich nur herablassen, ein solch schreckliches Verbrechen zu begehen?«, stieß ich aus; in der Annahme einer messerscharfen Deduktion.
»Watson, mein guter Watson. Diesmal möchte ich Sie in eingeschränkter Form verteidigen, denn Sie verfügten heute nicht über all jene Informationen, um ihren deduktiven Schluss ausreichend abzusichern. Genau genommen sind Sie – und, bis vor einer Stunde, auch der geschätzte Inspektor – diesem ekelhaften Wurm auf den Leim gegangen. Sie glaubten, wovon er wollte, dass sie es glauben. Wollen Sie vielleicht etwas Erhellendes zu unserer Unterhaltung beitragen, Mr. Fips? Oder soll ich Sie bei ihrem wirklichen Namen nennen?«
»Ich habe nichts zu sagen, Gentlemen. Und nennen Sie mich von mir aus, wie Sie wollen.«
»Fips, der Küster?« rief ich erstaunt.
»Gewiss, Watson. Dem Inspektor ist es, wie ich sehen konnte, auch erst vorhin aufgefallen. Aber – und Sie möchten mich berichtigen, falls ich irre – wenn Sie den vermeintlichen Fips und Vikar Ashcroft nicht bereits heute Morgen gesehen hätten, würden Sie Letztgenannten doch gewiss immer noch für den Täter halten?«
»In der Tat, Mr. Holmes. Zum Glück sind wenigstens Sie seinem Schauspiel nicht auf den Leim gegangen.«
»Ich muss gestehen, noch heute Morgen habe ich ebenso den Vikar verdächtigt. Dann jedoch wurde mir bewusst, dass sämtliche Berichte, welche einen Schatten auf ihn warfen, entweder aus dem Munde von Mr. Fips kamen oder aber vom Täter gestreut und absichtlich in dessen Darstellung integriert wurden, den wir jetzt als ebendiesen Küster haben identifizieren können. Jener erzählte uns vom angeblichen Alkoholismus des Vikars Ashcroft sowie über dessen vermeintliche Sittenlosigkeit. Einen solchen Eindruck erweckte dieser Kirchenmann bei mir jedoch keineswegs. Vielmehr wirkten seine Demut und Betroffenheit ob dieser Schandtat sehr aufrichtig auf mich. Auch die klassischen Anzeichen eines Alkoholmissbrauchs vermochte ich bei ihm nicht auszumachen. Heute Morgen befragte ich zudem beide Anwesenden kurz getrennt voneinander. Mr. Fips erwiderte auf meine Frage zu Besuchern des Vikars freimütig, er treffe regelmäßig einen jungen Gentleman, welcher zum von uns vermuteten Erscheinungsbild des Opfers passen könnte. Auch einen Streit habe er einmal vernommen. Der Vikar dagegen äußerte kryptisch Mr. Fips verkehre seit einigen Wochen mit einem freundlichen jungen Herrn, er stellte aber keine weiteren Spekulationen zu unserem Sachverhalt an. All dies, meine Herren, unterstreicht die vorangegangenen Folgerungen. Der Vikar war unverdächtig, so blieb nur noch Mr. Fips übrig. Niemand sonst verfügte über einen eigenen Schlüssel zur Kirche. Andere Optionen – etwa verborgene Türen und Verschläge oder gar Einbruch – schieden nach der gründlichen Untersuchung des Tatorts aus. Nun galt es nur noch, Fips' Motiv und dessen Verbindung zum armen Dr. Knorr zu klären.«
»Das sagen Sie so leicht, mein lieber Holmes«, warf ich ratlos ein.
»Sie glauben kaum, wie stark sich die Form der Ohren über die männliche Linie vererben kann. Da vom Gesicht des Verblichenen nicht mehr allzu viel erhalten war, unterzog ich seine Ohren einer profunden Untersuchung und stellte interessiert fest, dass Muscheln sowie Läppchen in Form und Ausrichtung große Ähnlichkeiten mit denen von Mr. Fips aufwiesen. Auch die übereinstimmende Ausformung der Augenhöhlen lieferte mir großen Aufschluss. Watson, Sie kennen doch meine kleine Schrift 'Einige Bemerkungen über die ererbte Physiognomie zum Zwecke der Verbrechensaufklärung'?«
»Sagen wir, ich habe es überflogen«, erwiderte ich verlegen.
»Hätten Sie es gelesen oder gar studiert, dann hätten Sie mir gestern Abend andere Fragen gestellt und sich vielmehr an dieser Art aufschlussreicher Details interessiert gezeigt.
Sei es drum. Spätestens nach unserem Gespräch mit Mr. Crane, dem Nachtwächter, war aus meinem Verdacht Gewissheit geworden: Mr. Fips ist der angeblich verstorbene Vater des seligen Dr. Knorr.«
»Meine Güte!« unterbrach der Inspektor erschüttert, »Sie ermorden Ihren eigenen Sohn und wollen Ihn nach dieser Gräueltat auch noch berauben?«
Auch wenn der Küster noch immer einen missmutigen und abweisenden Eindruck erweckte, wich ob des Bekanntwerdens dieser schrecklichen Wahrheit ein wenig der blinden Wut und Arroganz aus seinen Zügen. Eine Antwort; ein Wort der Rechtfertigung blieb er uns jedoch auch weiterhin schuldig.
»Vielleicht kann ein Mann wie Sie im Rückblick dann doch nicht alles rechtfertigen und nicht jedwede Schuld von sich weisen, wie den Mord am eigenen Sohne«, sprach ich voller Verachtung aus, was uns wohl allen auf der Zunge lag.
»Weiterhin stellte sich die Frage, wie es sein kann, dass Dr. Knorrs Vater noch lebt und mit einer anderen Identität den Küster in St. George‘s spielt. Auch dies konnte ich mittels rein deduktiver Denkvorgänge nach dem Gespräch mit dem Nachtwächter des Britischen Museums erahnen. Ein Trinker ist selten ein guter Spieler. Mr. Crane berichtete uns, Dr. Knorrs Vater sei beides gewesen. Er verschuldete sich und geriet sicher nicht nur mit dem Gesetz, sondern auch mit wenigstens einem ominösen Buchmacher in Konflikt, was die beinahe unvermeidliche Folge seiner Lebensumstände sein sollte. Den eigenen Tod vorzutäuschen ist gerade für einen Seemann ein leichtes Spiel. Befreit von den lästigen Schulden und sicher auch von ungewollten familiären Verpflichtungen begann er unter neuen Namen in einer neuen Stadt ein ebenso neues wie heuchlerisches Leben. Irgendwann las er von den ägyptologischen Verdiensten eines gewissen David Hieronymus Knorr, dass dieser nun im Britischen Museum angestellt sei und sich mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Funde aus Hierakonpolis befasse. Eine solche Namenskombination wird sich im Königreich gewiss nicht oft finden lassen. Es mag nur Neugier gewesen sein, vielleicht auch mehr; jedenfalls entschied Fips, diesen Gentleman zu besuchen – freilich unter einem weiteren Alias. Ob er ihn über seine wahre Identität aufklärte oder nicht vermag ich nicht zu sagen. Dass sich aber sein von Habgier und Bosheit durchdrungenes Wesen schließlich durchsetzte; dies, meine Herren, kann ich mit Gewissheit sagen. Die Tatsache, dass er von einem Besuch zum nächsten mehr und mehr Kniffe anwandte, um zur von ihm später selbst gelieferten Beschreibung des Vikars zu passen – gebückte Körperhaltung, salbungsvolle Gesten und die alkoholische Fahne – zeigt uns zweierlei. Zum einen stieß er bereits früh auf eine Sache im Labor seines Sohnes, für die ein Raub lohnen würde. Zum anderen wird deutlich, mit wie viel Akribie und Heimtücke hier vorgegangen wurde. Zumindest kurzzeitig sollte der Vikar als Sündenbock herhalten, um Fips die Zeit zu geben, seine Beute zu holen und unauffällig die Flucht zu ergreifen. Wir Menschen verändern uns nun einmal nicht, wie so oft behauptet wird. Lediglich passen wir uns neuen Lebensumständen an und die meisten zeigen nur jene Wesenszüge, die ihnen gerade von Nutzen sind.«
»Was uns schließlich zum Motiv der Tat führt – richtig, Holmes?«
»Ganz recht, Watson. Und hier muss ich gestehen, dass ich wohl von der Strahlkraft des so offensichtlichen Zusammenhangs geblendet gewesen sein musste, bis der gute Professor Lloyd so freundlich war, meine Augen zu öffnen. Inspektor: Sie müssen nämlich wissen, dass Watson und ich uns gestern Abend noch zoologischen Rat eingeholt haben. Professor Lloyd klärte uns über das groteske Krokodil auf, das sich auf dem Fetzen Papier finden ließ, den ich aus dem Rachen des Toten bergen konnte. Interessanterweise ist dieses Krokodil – konkreter: ähnliche Vertreter dieser als Gaviale bezeichneten Familie – der Forschung aus Sumatra und Indien her nicht unbekannt. Noch erhellender ist der Umstand dass der Professor diese Zeichnung auf eine französische Forschungsarbeit aus Ägypten zurückzuführen vermochte. Es scheint nahezu ausgeschlossen, dass diese Krokodile vor weniger als einem Säkulum noch in Ägypten heimisch waren. Daher lag der Verdacht nahe, dass es sich bei Doktor Knorrs Krokodil um die Kopie eines altägyptischen Tiergottsymbols handelt, welche sich oft auf archäologischen Artefakten finden lassen. Ein solches drängte sich mir nun dringend als Tatmotiv auf. Da dem Opfer sämtlicher Besitz abgenommen wurde, der uns Aufschluss über dessen Identität oder Profession hätte geben können, legte mir folgende Deduktion nahe: Der Mörder befürchtete, dass es sonst gar der Polizei durch Kombination möglich gewesen wäre, eine Verbindung zwischen dem Opfer und dem nächstliegenden Ort archäologischer Forschung zu ermitteln.«
»Natürlich, Holmes«, gab ich erstaunt von mir. »Das Britische Museum. Fabelhaft! Es liegt ja in direkter Nachbarschaft von St. George's.«
»Und wie kam es denn nun zum Mord an Dr. Knorr?« wollte Hamilton endlich wissen. »Und um welches Artefakt handelt es sich? Um die Tonplatte, die dieser Unmensch hat fallen lassen, als er sich der Festnahme entziehen wollte?«
»Zuerst zum Mord, Hamilton: Mr. Knorr – ich darf Sie doch so nennen, Mr. Fips, oder ist Ihnen vielleicht Mr. Fox lieber? Sie scheinen ja eine Vorliebe für Einsilbigkeit zu haben?«
»Ihr Name besitzt in allen Ohren auch nur eine Silbe, Mr. Holmes«, flüsterte unser Gefangener boshaft.
»Und doch steht er für so viel mehr, als es dem Ihren je beschieden sein wird«, konterte Holmes mit einem großen Maß an Genugtuung.
»Nachdem Fips sich also der Existenz eines Artefakts beträchtlichen archäologischen und damit auch materiellen Werts bewusst wurde – entweder erfuhr er es von Dr. Knorr persönlich, oder aber er durchforstete seine Aufzeichnungen – schritt er schnell zur Planung seines Raubzugs. Er vergewisserte sich über den genauen Aufbewahrungsort des Relikts, fertigte einen Abdruck der Schlüssel zum Britischen Museum und eignete sich zuletzt eine Abschrift der Symbole und Hieroglyphen an, die auf dem Objekt zu sehen sind. Doktor Knorr bemerkte das und suchte seinen Vater an dessen Arbeitsstelle auf, um ihn zur Rede zu stellen. Was dann geschah, muss ich Ihnen, meine Herren, kaum noch erläutern. Nach Küster Fips erschien auch Doktor Knorr in der Sakristei. Die Türen waren bereits geöffnet, so benötigte das spätere Opfer auch keine Schlüssel. David Knorr entriss seinem Vater die Kopie, die dabei entzweiging und der gewissenhafte Sohn stopfte sich eine Hälfte in den Mund um sie dem Zugriff des Vaters zu entziehen. Darauf kam es zum Kampf, bei dem Fips seinen eigenen Sohn mit dem erstbesten geeigneten Gegenstand niederschlug und um die Identität seines Opfers zu verschleiern, verstümmelte er es auf grausam gründliche Weise. Als er alle persönlichen Gegenstände aus den Taschen seines Sohnes entfernt hatte, rief er nach der Polizei. Er inszenierte sich als argloser Zeuge – nicht, ohne noch ein schlechtes Licht auf den an der Sache völlig unbeteiligten Vikar zu werfen.«
»All dies leuchtet mir ein, Mr. Holmes. Aber ich möchte schon wissen, um welches Artefakt es sich nun gehandelt hat, welches vorhin in tausend Teile geborsten ist.«
»Um eine Kartusche, guter Inspektor. Eine Königskartusche, welche auf dieselbe Zeit wie die erst kürzlich von James Edward Quibell nachgewiesenen Könige Skorpion und Narmer zurückzudatieren ist. Quibell ist es im Hauptdepot der Grabungen von Hierakonpolis erst kürzlich gelungen, Licht in die frühste Epoche der altägyptischen Geschichte zu bringen – der sogenannten 0. Dynastie. Durch die 'Narmer-Palette' ließ sich der erste König nachweisen, der Ober- und Unterägypten vereinte, denn er trägt die weiße Krone Ober- und die rote Krone Unterägyptens. Nun, meine Kenntnisse der Entschlüsselung so früher Hieroglyphen sind begrenzt. Jedoch gewann ich in der kurzen Zeit, die mir zur Examinierung der Kartusche blieb, einen Eindruck von ihrem vermuteten, beträchtlichen Wert. Vor allem ging daraus hervor, dass zur Regierungszeit Pharao Narmers ein unterägyptischer König Anspruch auf die beiden Kronen erhob, dessen Ruf ihm den Namen 'Grauenvolles Krokodil' eingebracht hatte. Diese kleine Königskartusche des 'Krokodils des Grauens', wie ich den Pharao nennen möchte, hätte einen gesamtägyptischen Gegenkönig zu Beginn der 0. Dynastie – die um das Jahr 3100 v. Chr. vermutet werden kann – kanonisiert und diese Erkenntnis hätte dem jungen Forscher ermöglicht, aus dem Schatten seines großen Lehrmeisters zu treten. Für Mr. Fips stellte die Kartusche jedoch lediglich die Gelegenheit dar, sich durch den Verkauf auf Kosten seines eigenen Sohnes zu bereichern. Zahlungswillige Käufer für Kostbarkeiten dieses Ranges finden sich in London gewiss zur Genüge. Man kann sagen: Durch seine niederträchtigen Taten wurde Fips zu einer Art unheiligen Wiedergängers des 'Krokodils des Grauens', über das die Gravur der Kartusche Aufschluss erlaubte.«
Nach langem Schweigen erhob sich der Inspektor, packte Mr. Fips‘ am Arm, führte ihn zur Tür, verneigte sich tief und dankte Holmes für seine Leistung. Bald würde die Morgendämmerung hereinbrechen, die lange Nacht hatte sowohl bei mir als auch beim guten Holmes ihren Tribut gefordert. Ich legte mich ohne große Umstände schlafen und Holmes tat es mir gleich.
Erst am folgenden Abend trafen wir wieder am Kamin zusammen, wärmten uns gerade am Feuer und mit unseren Whiskeys, da lachte Holmes plötzlich aus vollem Halse und reichte mir ein Kabel, das ihn soeben erreicht hatte.
»Vom Inspektor, Watson. Lesen Sie.«

+++Werter Mr. Holmes,
ich darf Ihnen mitteilen, dass Mr. Knorr, alias ‚Mr. Fips‘ oder ‚Mr. Fox‘, schließlich alles gestanden hat und Ihre Rekonstruktion des Tathergangs sowie der zugrundeliegenden Umstände und Motive voll und ganz bestätigen konnte. Er wird noch heute dem Haftrichter vorgeführt. Seien Sie sich meines größten Dankes versichert.+++
Insp. Hamilton

»Das ist ja hervorragend, Holmes.«
»Noch viel mehr als das, alter Knabe! Diesem grauenvollen Menschen war ein ganz bestimmter Umstand wohl überhaupt nicht bewusst.«
»Und der wäre?«
»Ich hatte nicht einmal die Spur eines Beweises gegen ihn in der Hand.«
»Aber Holmes, was ist mit alledem, das Sie gestern Nacht deduziert haben?«
»Dabei handelt es sich um nicht mehr als Deduktionen, guter Freund. Sie sind zwar in sich stimmig und zweifellos zutreffend, jedoch vor dem britischen Gesetz keine Beweise. Nachzuweisen war ihm bis zu seinem vollumfänglichen Geständnis lediglich der versuchte Raub eines wertvollen archäologischen Relikts. Ob er anhand meiner vorgelegten Indizienkette auch wegen des Mordes an seinem Sohn verurteilt worden wäre, wäre äußerst ungewiss geblieben. Nun wird er dem Strick allerdings nicht mehr entgehen. Davor kann ihn auch der beste Advokat nicht mehr bewahren.«
»Ich kann nicht behaupten, diesen Umstand zu bedauern, Holmes.«
»Mag sein, Watson. Wobei doch der Tod dieses Unmenschen nichts nützt, außer dem archaischen Gefühlsregungen in unserem Inneren Befriedigung zu beschaffen. Und waren es nicht ebensolche Triebe, die diesen Mann dazu bewogen, seinen eigenen Sohn hinzuschlachten, um sich einen materiellen Vorteil zu verschaffen und die eigenen Haut zu retten? Gott möge seiner Seele in höheren Maße gnädig sein, als er es je mit seinem Sohn war.«
Die Königskartusche vom 'Krokodil des Grauens' konnte trotz umfangreicher Versuche nicht zusammengesetzt werden. Nun müssen die Ägyptologen darauf hoffen, dass irgendwann noch weitere Indizien für die Existenz eines Königs dieses Namens auftauchen. James Edward Quibell ließ verlauten, er wolle sich in den nächsten Jahren dem Gebiet um Tarchan nahe Kairo aufmerksamer widmen, um vielleicht neuer Erkenntnisse über den geheimnisvollen Krokodilkönig habhaft zu werden.
Holmes befleißigte sich in Anerkennung der Errungenschaften des verblichenen Dr. Knorr fortan ebenso gelegentlich der ägyptologischen Forschung. Mir ist nicht bekannt, ob er beim Studium etwaiger Reiseberichte, Fundstücke und sonstiger Aufzeichnungen einen Hinweis zur Existenz des ‚Krokodils des Grauens‘ finden konnte. Dass er es jedoch tat, führte mir vor Augen, wie sehr ihn dieser Fall berührt zu haben schien. Er selbst blieb zwar zeitlebens kinderlos, doch erschien ihm die Vorstellung zutiefst niederträchtig, den eigenen Nachkommen das Leben zu nehmen. Der frühere Küster von St. George's wurde nach nur dreitägiger Verhandlung schuldig gesprochen und kurz darauf gehängt.



© Manuel Albert Friedemann 2019
Lektorat: Anna-Sophie Naumann

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